Das freundliche alte hessische Industriestädtchen Hersfeld, welches seit neuer Zeit auch Badeort ist, war heute wieder einmal der Schauplatz eines besonderen Ereignisses.

Schon am frühen Morgen herrschte reges Leben in den Straßen, die geladenen Gäste aus allen Gemeinden des Kreises strömten herbei, die Vertreter der höheren Behörden und viele Fremde kamen mit den einlaufenden Zügen an, um an der Eröffnungsfeier der neuerbauten Kreisbahn teilzunehmen.

Ein Ereignis ist es schon an und für sich, wenn ein Gebiet durch die Bahn erschlossen wird, welches infolge der vorkommenden Kalilager, Tonlager, Basalte und Sandsteine eine große Zukunft verspricht. Hier ist es jedoch besonders der Fall, da man seit Jahrzehnten nach einer Bahn ringt, die doch immerhin dazu beiträgt, den Wohlstand der Bevölkerung, der gerade in dieser Gegend nicht sehr zu Hause ist, zu heben die Bewohner mehr an die Scholle zu fesseln. Wie oft ist die Bahn schon abgesteckt worden, aber das Amt Landeck schien für eine Bahn noch nicht reif zu sein.

Seit Menschengedenken mussten die meisten jungen Männer dieser Gegend nach Westfalen auswandern, um ihr Dasein zu fristen; dort findet man ganze Kolonien „Landecker“ in den Dörfern des Kohlengebietes. Auch die Familienväter mussten jahraus, jahrein, fern von der Heimat und ihren Angehörigen, auf den Kohlenzechen Westfalens arbeiten, um das kleine Anwesen, das sie gewöhnlich mit viel Schulden übernommen, erhalten zu können. Frau und Kinder besorgten die Feldarbeit und sahen den Vater im Jahr nur ein- bis zweimal zu Hause. Dass bei solcher Lebensweise nicht die Sorgfalt auf das leibliche Wohl verwendet wird, liegt sehr nahe und mancher bisher gesunde Mann hat durch Überanstrengung bei unregelmäßiger Verköstigung schon früh, nach langem Siechtum, das Zeitliche gesegnet. Durch die Kalierschließung im Werratal sin schon eine große Anzahl Grubenarbeiter zurückgekehrt und haben in der Heimat lohnende Beschäftigung gefunden; hoffentlich wird dies noch mehr der Fall, wenn durch die nunmehr eröffnete Kreisbahn die Gegend immer  mehr erschlossen wird. Der Kreisbahn Hersfeld, welcher mit dem Staatsbahnhof durch einen Tunnel verbunden, ist festlich geschmückt.

Das Bahnhofsgebäude ist, wie auch alle übrigen Stationsgebäude, in gefälligem Stil gebaut und enthält genügend Raum, um dem Verkehr auch in größerem Maße Rechnung tragen zu können. Die zwei Maschinen von der Firma Henschel u. Sohn in Kassel, welche den Festzug nach Heimboldhausen bringen sollten, waren mit Fahnen und Blumen geschmückt. Als Vertreter des Herrn Reg Präsidenten erschien Herr Oberregierungsart v. Bussow, des Landeshauptmanns, Herr Geh. Baurat Stiehl, der gleichzeitig oberste Bauleiter der Bahn war, als Vertreter der Eisenbahndirektion Kassel, Herr Reg. –Rat Günther, der Eisenbahndirektion Erfurt, Herr Oberreg.-Rat Bösler, ferner war Herr Geh. Oberpostrat Hoffmann anwesend und ebenso hatten sich sämtliche Kreisausschussmitglieder, die Bürgermeister des Kreises und zahlreiche Gäste eingefunden. Unter den letzteren befanden sich die Offiziere der Kriegsschule und des Bezirkskommandos, auch einige Vertreter der Presse. Nachdem die Teilnehmer auf dem geräumigen Bahnsteig sich versammelt, wurden sie durch Herrn Landrat v. Grunelius begrüßt und gebeten, in den bequemen, von der Augsburger Waggonfabrik gebauten Wagen, Platz zu nehmen. Eine Musikkapelle, die auch den Festzug begleitete, spielte heitere Weisen. Punkt 10.45 Uhr setzte sich der Festzug, begleitet von den Hochrufen und Tücherschwenken einer zahlreichen Menge, die um den Bahnsteig herum Aufstellung genommen, in Bewegung. Die Bahn, die vorläufig eingleisig, fährt anfangs etwa ein Kilometer dicht an der Staatsbahn entlang. Gegenüber der Mündung des Solzflüsschens biegt sie nach rechts ab ins Solztal, nachdem sie eine über die Fulda gebaute schöne Steinbrücke passiert hat. Das erste Dorf, welches der Zug berührte, sind die Sölzerhöfe, etwa talaufwärts, mehr zurück liegtdas Dörfchen Kathus, rechts auf der Höhe Petersberg und Domäne Wilhelmshof. Die Bewohner strömten scharenweise herbei, um das neue Verkehrsmittel zu begrüßen und zu bewundern. Gegen 11 Uhr traf der Zug auf dem Bahnhof Sorga ein und wurde von den Vertretern der Gemeinde begrüßt. Herr Lehrer Hahn bracht mit der Schuljugend einige patriotische Lieder zu Gehör, ein Knabe deklamierte ein Gedicht und Herr Pfarrer Scheffer hielt eine Ansprache, in welcher der die ungeahnte Entwicklung des Eisenbahnwesens seit 1835 hervorhob, wie man bestrebt gewesen sei, dasselbe immer mehr auszugestalten und doch wie schwer es gehalten habe, bis die Bewohner des Solztales und des Landecker Amtes der Segnungen einer Bahn teilhaftig geworden seien. Aber auch diese hätten sie wohl nur dem Wohlwollen des Kreisausschusses, besonders aber dem des Herrn Landrats, zu verdanken. Die großen Vorteile, die die Bahn der Bevölkerung brächte, werde diese zu würdigen wissen. Herr Landrat habe keine Schwierigkeiten gescheut, das dem Kreis versprochene Werk seiner Vollendung entgegenzuführen, er habe sich hiermit ein unvergleiches Denkmal im Kreise Hersfeld geschaffen. Sodann dankte der Redner den bei dem Bau tätig gewesen Beamten, Bauleitern und Arbeitern und brachte zum Schluss ein Hoch auf den Landrat aus. Herr Landrat dankte für die von der Bevölkerung dem Festzug dargebrachte Begrüßung und ersuchte, die Bahn durch eifrige Benutzung kräftig zu unterstützen, das sei der beste Dank, den sie dafür bringen könnte. Die Schuljugend sang noch ein Lied und die Knaben marschierten dann, so lange der Zug noch hielt, an demselben auf und ab, mit Trommeln und Pfeifen, exakte Märsche, zum Erstaunen aller Beteiligten, zum Besten gebend. Junge Mädchen warfen Blumensträuße in die Bewegung und fuhr im Solztal entlang, das bei Herrmannshof (im Volksmund die rote Mühle genannt) recht idyllisch zu werden beginnt. Berge mit üppigem Tannen- und Buchenwald, rechts und links romantische Seitentäler, die jetzt nach der Eröffnung der Bahn auch viele Touristen anlocken werden. Nachdem der Zug die Straße nach Friedewald passiert, erweitert sich das Tal und die ersten Häuser von Malkomes kamen in Sicht.

Gegen 11.25 Uhr traf der Zug auf dem unterhalb des Dorfes liegenden Bahnhof ein und wurde auch hier jubelnd begrüßt. Die Jugend sang unter Leitung des Lehrers Ihle einige mit großem Beifall aufgenommene Lieder, sodann hielt der Letztere eine Ansprache, die in der Freude über den nunmehrigen Anschluss an das Eisenbahnnetz gipfelte, besonders angenehm berührte, als der Redner die herrschende Eigenart der Landecker Bevölkerung, die Sitten und Gebräuche, Volkstracht und Sprache hervorhob, er ermahnte, das alles beizubehalten und nichts von alledem, nachdem nun die Verbindung mit aller Welt hergestellt sei, zu vergessen, auch gedachte er der vielen Bewohner, die ihre Heimat verlassen mussten und jetzt nach und nach zur Scholle zurückkehren könnten, um hier Beschäftigung zu finden. Mit einem Hoch auf den Landrat endete die kernige Rede. Herr Landrat dankte für die herzliche Begrüßung und betonte, dass durch den Bahnhof Malkomes auch den Bewohnern von Friedewald solle Gelegenheit gegeben werden, die Bahn zu Personen- und Frachtverkehr benutzen zu können und dadurch Malkomes einen besseren Verkehr bekommen werde. Die in ihrer Landecker Tracht mit Schnürhäuptchen erschienenen jungen Mädchen erregten allgemeines Aussehen, sie wurden vom Landrat eingeladen, die Fahrt nach Schenklengsfeld mitzumachen. Die Bewohner des Dorfes, besonders die älteren Leute, waren über den Anblick der Bahn zu Tränen gerührt, war es doch gerade Malkomes, welches sich immer mehr entvölkerte, da sich dort biser am allerwenigsten Gelegenheit bot, ansässig zu machen. Die an und für sich kärglichen Erträgnisse der Landwirtschaft, die Abgeschlossenheit vom Verkehr, die Entfernung von der Kreisstadt zwangen die Bewohner, nach Westfalen auszuwandern und manche Mutter stand dabei, die drei bis vier Söhne musste nach dorthin ziehen lassen, um hier allein zurückzubleiben. Der Zug setzte sich um 11.40 Uhr wieder in Bewegung, die hier beginnende Steigung machte sich bemerkbar, nachdem doch in Schenksolz, in dem nur eine Haltestelle gleichzeitig für Motzfeld, Hilmes und Wüstfeld eingerichtet ist, der Zug von den Ortsbewohnern und dem Bürgermeister Schneider, sowie dem Bürgermeister Wolf aus Hof Lampertsfeld begrüßt wurde, fuhr derselbe mit Volldampf dem vier Kilometer östlich liegenden Marktflecken Schenklengsfeld entgegen. Letzteres ist der Mittelpunkt der Kreisbahn und hat einen nicht unbedeutenden Verkehr. Hier ist der Sitz eines Amtsgerichtes, Postamts, eines Arztes, großem Kirchspeil und einer bedeutenden Darlehnskasse, Handel und Gewerbe sind stark vertreten.

In Touristenkreisen ist Schenklengsfeld bekannt durch seine 1000 jährige Linde, ein Unikum, das wohl einzig in seiner Art dastehen dürfte. Der gespaltene Stamm derselben hat einen Umfang von achtzehn Meter. Das Geäste liegt auf zwei Reihen Balken und hat einen Umfang von über hundert Meter. Die verschiedenen Vereine, Gesangverein, Radfahrerverein, Kriegerverein, dessen Gewehrsektion präsentierte, und sämtliche Schulen waren auf dem Bahnsteig aufgestellt. Herr Bürgermeister Rüger hieß in einer kurzen Ansprache den Festzug willkommen. Hierauf nahm Herr Pfarrer Schenk das Wort, gedachte der früheren primitiven Verkehrsverhältnisse, als die Post noch die 14 Kilometer lange Strecke von Hersfeld nach hier in 2 ½ Stunden zurücklegte. Durch die Einführung des Postautos sei zwar der Verkehr etwas gebessert worden, jedoch sei immer noch jeder Beamte, der nach Schenklengsfeld versetzt wurde, von seinen Kollegen bedauert worden, in solch entlegene Gegend verschlagen zu werden. Tatsächlich habe es ja auch so ziemlich außerhalb der Welt gelegen und wäre nun endlich, dank der Bemühungen des Landrats, mit einer Bahn versehen worden. Derselbe habe mit großer Energie, trotz Schwierigkeiten, das Werk gefördert und man könne sagen, es ist kaum ein Stein oder eine Schiene an den Bahnbau gekommen, die der Landrat nicht sich angesehen habe, Dass überhaupt die Bahn zustande gekommen sei, hätten wir in erster Linie Sr. Majestät dem Kaiser zu verdanken, denn nur dadurch, dass wir unter dem Schutze seiner Regierung in unserer friedlichen Entwickelung nicht gestört worden seien, habe ein solches Werk gedeihen können. Dass wir unter dem Schutze einer Heeresmacht ständen, die uns diesen Frieden gewährleistete, hätten wir bei den in den letzten Tagen hier stattgefundenen Manövern u beobachten Gelegenheit gehabt. In das Kaiserhoch stimmte die Menge begeistert ein und sang darauf die Nationalhymne. Herr Landrat dankte für den überaus herzlichen Empfang, er sei überzeugt, dass Schenklengsfeld den größten Vorteil durch die Bahn genieße. Sein besonderes Interesse an derselben habe es ja dadurch bekundet, dass die Gemeindevertretung 50 000 Mk. Zu den Kosten des Bahnbaues bewilligt habe. Allerdings habe es nun eine Bahn, aber noch keine Bahnhofsstraße, und er befürchte, dass bei dem Abfahren der schon in den nächsten Tagen eintreffenden Güter eine Stockung geben würde. Erfreulicher Weise habe nun die Gemeindevertretung jetzt die Kosten zum Bau der früher projektierten und wirklich praktischen Bahnhofsstraße bewilligt und hoffe, dass mit dem Bau derselben bald begonnen und dieselbe recht bald dem Verkehr übergeben werden könne.

Der Landrat brachte ein Hoch auf die Gemeinde Schenklengsfeld aus. Nach Vorträgen des Gesangvereins hielt Herr Georg Höfer eine launige Ansprache, in der er den Landrat mit dem Ritter St. Georg verglich. Letzterer habe, nach der Erzählung, der Bevölkerung von einem Ungetüm, dem Lindwurm, befreit. Nun sei aber in Wirklichkeit ein Ritter ins Land gekommen, der von Grunelius heiße, und habe die Bevölkerung von einem lange auf ihr lastenden Druck, nämlich der Abgeschlossenheit, befreit. Was habe man seit Menschengedenken für Pläne geschmiedet, in Spinnstuben, beim Spillegehen und bei jeder Gelegenheit sei das Bahnprojekt besprochen worden. Und doch habe es geschienen, als wenn man uns ganz vergessen hätte, in Russland, ja in Sibirien, baue man Bahnen, aber im lieben deutschen Vaterland überstehe man die schönsten Fleckchen Erde mit einer Bahn zu beglücken. Er könne sich noch entsinnen, als ein zweirädiger Karren die Postsachen von Hersfeld nach hier brachte. Als Verbindungsweg zwischen Hersfeld nach hier brachte. Als Verbindungsweg zwischen Hersfeld und hier habe man nur den Weg über den Buchwald benutzt und mancher Schweißtropfen sei den Kniebrecher herauf vergossen worden, wenn man mit der Kötze oder dem Querchsack der Heimat zueilte. Eine Benutzung der Post für 14 Groschen hätten sich nur die Bessersituierten erlauben können. Die Hoffnung, die man auf den neuen Landrat gesetzt, habe nicht getäuscht, er habe gelegentlich einer Wahl verschiedenen Vertretern versichert, dass er dem Amt Landeck eine Bahn verschaffe und sein Versprechen habe er glänzend eingelöst. Wir seien ihm daher zu großem Dank verpflichtet und würden die Tat des Ritters von Grunelius zu würdigen wissen. Nach Deklamation einiger der Rede zugefügten Verse, brachte Herr Höfer ein Hoch auf den Landrat aus, in das die Menge begeistert einstimmte. Hierauf wurde ein gemeinsames Frühstück in den Räumen des Bahnhofs eingenommen, das von Herrn W. Geheb bestens geliefert wurde. Nach Beendigung desselben begaben sich die Teilnehmer wieder zum Zug. Bevor sich derselbe in Bewegung setzte, schilderte Herr C. Schüler aus Kassel, ein geborener Schenklengsfelder, den Werdegang der Bahn wie folgt:

  1. Nunmehr ist der Tag gekommen,

der seit Jahrzehnten schon ersehnt;

ein Werk wurd´ endlich vorgenommen,

das oft bisher wurd´ abgelehnt.

  1. Ein Menschenalter schon ist´s her,

als zu uns drang die frohe Kunde:

es dauert nun nicht lange mehr,

da macht die Bahn auch hier die Runde.

  1. Doch immer wieder wurd´s verschoben,

obwohl die Pfähle längst gestreckt

in den Wehrshäuser Wiesen droben,

man glaube, dass man uns geneckt.

  1. Wenn damals statt der winz´gen Pflöcke

man kräft´ge Reiser hätt´ gepflanzt,

ich glaub´es wär´n heute Riesenstöcke,

die man als Schwellen jetzt verschanzt.

  1. Doch jedes Ding hat seine Weile,

so ging´s auch mit der Eisenbahn;

der Preußische Staat hat keine Eile,

wenn kein Geschäft er machen kann.

  1. Man kann ihm dies auch nicht verdenken,

so lang´ die Bahn sich nicht rentiert,

denn auch er hat nicht zu verschenken

und wo´s nicht brennt, er nicht d´ran rührt.

  1. Da kam uns etwa sehr zustatten,

die Kaliwerke im Werratal,

die eine große Zukunft hatten

und brachten Leben mit einem Mal.

  1. Auch diesseits, in den Seitentälern,

wurden große Lager entdeckt,

wir lassen uns nicht die Hoffnung schmälern,

dass auch bei uns noch Kali steckt.

  1. Doch wiederum die Aussicht sank,

als der Landtag eine Bahn bewiligt,

sie zog sich an der Rhön entlang,

dem Kreis Hünfeld wurd´ sie zugebilligt

  1. Man quälte sich mit dem Gedanken:

sind wir nicht würdig einer Bahn?

Und legt sich nochmals in die Schranken,

man wandt sich an den neuen Mann

  1. Bald strahlte auch ein Hoffnungsschein

dem Amt Landeck naht ein Genius,

der brachte neues Leben´ rein

es war Landrat von Grunelius.

  1. Er hat den richtigen Weg gefunden,

den Fulda- und den Werrafluss

durch einen Schienenstrang verbunden,

sie senden dich heut den ersten Gruß.

  1. Doch jener irrt, der meint erhaben,

die Sache sei sehr leicht gewesen,

dass Schwierigkeiten dich ergaben,

hab´ oft im Blatte ich gelesen.

  1. Nicht, dass allein die Mittel fehlten,

die zu beschatten nicht ganz leicht,

und die Gemeinden nicht verhehlten,

dass ihr Etat dazu kaum reicht.

  1. Es kostet auch manche Schritte

nach oben, wo man anders denkt,

wo festhält man die gold´ne Mitte

Und das Geschick des Volkes lenkt.

  1. Doch Staat und Kommunalverband

zeigten, dass sie wohl gesinnt

sie unterstützten mit das Landeckerland,

das durch die Bahn doch sehr gewinnt.

  1. Man hat dort wohl auch miterwogen,

dass zur Entlastung der Thüringer Bahn

die Strecke vielleicht wird herangezogen

und den Süden man früher erreichen kann.

  1. Nachdem nun alles das erreicht,

womit die ersten Sorgen man konnt´ stillen,

so war es wiederum nicht leicht,

der Anlieger Wünsche zu erfüllen.

  1. Denn jedes Dorf, das wollt´Station,

und jeder Hof´ne Haltestelle;

man kam, wenn möglich, entgegen schon

und berücksichtigte die meisten Fälle.

  1. Doch immer wieder gab´s Krakehler,

die hindernd in dem Wege standen;

sie waren sich nicht bewusst der Fehler

oder war kein Gemeinsinn vorhanden.

  1. Der eine wollte zu viel Geld

für den Streifen Land erstreben,

der andere wieder wollt´ sein Feld

überhaupt nicht zu dem Zweck hergeben.

  1. Doch nach und nach gelang es endlich,

dank des Landrats Energie,

der Plan war nunmehr unabwendlich,

sonst kamen wir zur Bahn wohl nie.

  1. Eifrig wurd´ das Werk begonnen,

obwohl das Wetter anfangs flau;

kaum war ein Jahr jedoch verronnen,

so war hergestellt der Unterbau.

  1. Natürlich blieb dabei nicht aus,

dass das Idyllische wurd´ gestört,

und als ich einmal kam nach Haus,

war ich wirklich ganz empört.

  1. Schenklengsfeld kannt´ nicht mehr wieder,

es sah nur einer Festung gleich;

in Wellen und Gräben ging´s auf und nieder,

das war fürwahr kein schöner Streich.

  1. Doch jetzt macht´s schon ein besser Gesicht,

nachdem das Aug´ sich d´ran gewöhnt,

und wenn Gras darüber gewachsen ist,

hat man sich damit ausgesöhnt.

  1. Doch eins der schwierigsten Probleme

war wohl die hies´ge Bahnhofsstraße,

ich glaubte wirklich schon es käme

wohl kaum zur Lösung dieser Trace.

  1. Doch hat man schließlich Rat gefunden,

wenn selbst man auch kaum überzeugt

und durch die Geisgass´ sich gewunden,

der Zweck war wenigstens erreicht.

  1. Nachdem das Werk nun ist gelungen,

Schenklengsfeld hat nun eine Bahn,

nach der er so lang´ gerungen,

mög´ Wohlstand mehren sich fortan.

  1. Wenn auch nicht jedem sie konnt´ bringen

so einige graue Scheine gleich,

durch sie wird manches doch gelingen,

was wir sonst hätten nie erreicht.

  1. Drum lasset das Geschick uns preisen,

das uns Herr von Grundius sandt´,

der redlich hielt, was er verheißen

und mit dem Bahnnetz uns verband.

Der Zug, der noch von jungen Mädchen hier, wie auf allen Stationen, bekränzt wurde, setzte sich nunmehr in Bewegung. Zunächst passierte derselbe das Dorf Oberlengsfeld; zu beiden Seiten des hier ziemlich breiten Tales erheben sich links der 510 Meter hohe Landecker Berg mit der Burgruine Landeck, rechts der 628 Meter hohe Soisberg. Erstere ist mit dem Kreuzberg verbunden und durchweg Kalksteinboden mit Buhenbestand, während der Soisberg ein ausgesprochener Basaltkegel ist und ebenso einen bedeutenden Buchen- und Eichenbestand aufweist. Am Fuße desselben liegt der Hof Kahlhausen und weiter im Tale das Dorf Wehrshausen. Auf der hier eingerichteten Haltestelle wurde der Zug von dem Vertreter der Gemeinde Wehrshausen begrüßt und fuhr nach kurzem Aufenthalt durch das Tal zwischen Kreuzberg und Schwärzelsberg weiter, bog vor dem Dorf Ransbach links ab, um den Bahnhof dieses Dorfes zu erreichen. Hier wurde derselbe wieder mit brausendem Jubel empfangen und Herr Pfarrer Nolte hob in seiner Ansprache, wie seine Vorredner, die Bedeutung der Bahn hervor. Eine solche sei, um die Verbindung der menschlichen Wohnstätten herzustellen, unbedingt erforderlich. Die Menschen seine keine Pflanzen, sie müssten sich bewegen und ihre Lebensmittel oft von weither herbeischaffen, dazu sei die Bahn nötig, dieses sei nun erreicht, man könne in bequemen Sitzen ohne jede Anstrengung weite Strecken zurücklegen und dabei durch große Fenster sich an Gottes herrlicher Natur erfreuen. Besonders betonte der Redner, dass die oft recht schwierigen Arbeiten der Bahn vollendet worden seien, ohne dass dabei ein Menschenleben zu Schaden gekommen sei. Zum Schluss brachte er ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser aus, in das die Versammlung einstimmte und die Nationalhymne sang. Nachdem die Schuljugend einige Lieder gesungen, brachte der Vorstand des Kriegervereins ein Hoch auf den Landrats drei Salven ab. Herr Landrat dankte für die Begrüßung und die ihm dargebrachten Ehrung, betonte, dass sich für die von der Kreisstadt weit abliegenden Gemeinden nunmehr Gelegenheit fände, die Lebensbedürfnisse mehr in Hersfeld, als, wie es bisher der Fall gewesen sei, sozusagen im Ausland zu decken; man möge von der Bahn reichlich Gebrauch machen, damit das mit hohen Kosten erbaute Werk sich rentiere. Der Zug fuhr nach zirka zehn Minuten weiter, hatte von hier ab ein starkes Gefälle und erreichte nun ein enges, wildromantisches Tal, den sogenannten Schellgrund, passierte die Grundmühle, Schellmühle und Hof und Mühle Nippa. Hie befinden sich schon zwei Kalischächte (Zeche Ransbach), die noch im Entstehen begriffen und zirka 500 Meter abgeteuft sind. Dieselben haben mit ihren grauen Betonbauten und dem großen Maschinenbetriebe dem sonst so stillen Tal ein ganz eigenartiges Gepräge gegeben. Man ist hier auf bedeutende Kalilager gestoßen und hofft, in einem Jahre fördern zu können. Noch eine kurze Strecke und der Zug erreichte das Werratal, das durch die Kaliwerke Hattorf, Wintershall und die damit verbundenen elektrischen Kraftwerke ein ganz anderes Aussehen bekommen hat. Die Endstation war nunmehr erreicht und der Zug lief auf dem Staatsbahnhof Heimboldhausen ein. Zahlreiche Bewohner begrüßten den Zug, die Schulkinder sangen ein Lied und Herr Pfarrer Heßler aus Philippsthal hielt eine kernige Ansprache. Er entwickelte mit seinem Humor die hochgehendsten Pläne für Heimboldhausen als Zentralstation und einstigen Stapelplatz, wenn er durch die Kanalisation der Werra die Nordsee mit dem Schwarzen Meer verbunden sei. Die neue Bahn bezeichnete er als eine Masche in dem großen Eisenbahnnetz, die dazu beitragen möge, das Deutsche Reich immer fester zu fügen, immer mehr zu stärken in Handel und Industrie, denn zu letzteren gehöre unbedingt die Eisenbahn. Sein Hoch galt dem deutschen Vaterland, die Schuljugend sang hierauf das Lied:“ Deutschland, Deutschland über alles“. Herr Landrat dankte für die Begrüßung des Festzuges, er freue sich, dass es nun endlich gelungen sei, nun auch mit den am weitesten abgelegenen Gemeinden des Kreises in eine bessere Verbindung getreten zu sein. Wenn auch die Bahn für Heimboldhausen nichts neues sei, so sei sie doch insofern von großem Vorteil, dass die Erreichung der Kreisstadt nun sehr bequem geworden sei und somit auch die geschäftlichen Beziehungen bessere werden dürften. Gegen 3 Uhr fuhr der Festzug zurück nach Hersfeld, überall unterwegs von der Bevölkerung herzlich begrüßt. Um 5 Uhr fand im Saale des Hotel Stern in Hersfeld das Festessen statt, an dem sich gegen 180 Personen beteiligten. Der fahrplanmäßige Betrieb der Kreisbahn beginnt mit dem 26. September 1912. Das bis dahin dem Post- und Personenverkehr gediente Auto fuhr am 26. September zum letzten Male von Hersfeld über Schenklengsfeld und wurde bei seiner Ankunft daselbst von den bei dem Postamt anwesenden Bewohnern herzlich begrüßt. Nach Auswechselung der Postsäcke setzte sich das Auto, in welchem Schreiber dieses mit Frau und Bruder Platz genommen, um die letzte Fahrt mitzumachen, unter begeisterten Hurrarufen der Anwesenden, in Bewegung.

Conrad Schüler.