Die Zeit der Bauernkriege
Im 15. Und zu Anfang des 16. Jahrhunderts war im Gegensatz zum Mittelalter die Stellung der Zinsbauern keine beneidenswerte, denn dem Ritterstand,
dessen Verdienste in mancher Beziehung Anerkennung verdienen, hat es in vielen Fällen an der nötigen Einsicht und dem Wohlwollen den Bauern gegenüber gefehlt. In Folge der grausamen Bedrückung von Seiten der Gutsherren machte sich schon im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, besonders in Süddeutschland, unter den Bauern eine Gärung bemerklich, die ihre Spitze gegen den Adel und Kirche richtet; unter dem Druck der Frohndienste und Abgaben, sowie der vielfach zurückgedrängten rechtlichen Stellung derselben immer größere Ausdehnung annahm und sich bald bis ins mittlere Deutschland , auf Hessen und Thüringen, erstreckt.

Von großem Einfluss auf die Entwickelung dieser Verhältnisse war außerdem der Umstand, dass die schon von Kaiser Karl d. Gr. Vor 755 eingeführten Schöffengerichte zwar noch zu Recht bestanden, tatsächlich jedoch fast alle Bedeutung verloren hatten und die Handhabung des Rechts fast ganz in die Hand der Grundherren gelegt war. Nachdem bereits im Jahre 1524 größere Erhebungen der Bauern in Oberschwaben vorgekommen waren, wurden unter Mitwirkung der Memminger Reformatoren im März 1525 die sogenannten „ zwölf Artikel“ ausgestellt, unter denen die freie Ausübung der Jagd , der Fischerei und der Holzung, Aufhebung der Leibeigenschaft und des Zehnten, sowie die freie Wahl der evangelischen Prediger der Hauptforderungen bildeten.

Als die Forderungen der Bauern wie vorauszusehen war, von keiner Seite angenommen wurden, gingen die Ereignisse ihren Gang. Vom Elsaß bis in
die Steiermark, vom Bodensee bis nach Hessen und Sachsen rotteten sich die evangelischen Bauernhaufen zusammen, um ihre Wünsche nun mit Gewalt durchzusetzen; blutige Greueltaten begleiteten ihren Zug, Schlösser, Adelshöfe und Klöster gingen in Flammen auf und wie ein brausender Strom reißt die wilde Bewegung alles mit sich fort, seitdem alle unzufriedenen Elemente der unteren Volksschichten in den Städten den Bauern beitreten. Unter diesen Umständen kann es nicht auffallen, dass gar bald die Wellen des Sturmes in die entlegensten Winkel der deutschen Gaue branden, dass sie binnen kurzer Zeit auch in den stillen Tälern des Buchenwaldes fühlbar wurden. Wohl hatten sie Äbte von Fulda und Hersfeld das drohende Unwetter näher und näher kommen sehen und den Versuch gemacht, der aufrührerischen Bewegung Herr zu werden, aber bald mussten sie einsehen, dass ihre eigenen Kräfte dazu nicht ausreichen würden, zumal auch in ihren Städten, ebenso wie auf dem platten Lande, der Geist der Unzufriedenheit und des Aufruhrs sich zu zeigen begann.

Sie wandten sich deshalb mit der Bitte um schleunigste Hilfe an Landgraf Philipp, der zur Zeit in den nahen Alsfeld einen Landtag abhielt und der ihnen sofort seine Hilfe zusagte, weil der Aufruhr zweifellos auch auf die althessischen Gebiete überzugreifen drohte. Von Thüringen, namentlich aus der Gegend von Vacha und Heringen, war die Bewegung schon in das Stift Hersfeld eingedrungen, der sogen. Schwarze Hause hatte sich der Stadt
bemächtigt und stand im Begriff, weiter stromabwärts nach Rotenburg zu ziehen, auch Fulda war bereits gefallen. Als die Kunde von diesen Ereignissen in Alsfeld eintraf, brach der Landgraf, seines Versprechens eingedenk, alsbald mit einigen Tausend Landsknechten und Reisigen auf, erscheint plötzlich in dem von Ausständigen überschwemmten Gebiete und so gelingt es ihm, ohne auf sonderlichen Widerstand zu stoßen, in wenig Stunden die bedrohten Städte in seine Hand zu bringen und die alte Ordnung in kurzer Zeit wieder herzustellen.

Doch bevor der Landgraf Philipp gegen die Ausständigen ins Feld zog, schrieb er einen Brief an den Schwäbischen Bund, den ich hiermit, um eine Probe des damaligen deutschen Ausdrucks wiederzugeben, zum Abdruck bringe:
Hersfeld ahm Dinstag nach
Miciricordias domini anno MDXXV.
„Philips von Gots Gnaden, Landgrave zu Hessen, Gravezu Catzenellenpogen u. s. w.
Unseren gunstigen grus, gnedigen willen und alles gut zuvor, Erwirdigen,
Wolgepornen, Eddeln, Strengen Hochgelehrten, Erbare, Ersamen und Weißen,
lieben Freund, Neben und Besondern.
Wir geben euch mit Beschwerden zu erkennen, das sich itzo ben dreien tagen alle
underthanen und bawren im Stift Fulda, der ganze Buchen und unsre bawren umb
Bach, Heringen, Friedewaldt und Hersfeldt ganz unversehener Dinge zusammen
gehausst, in vil Cloester gefallen, dieselben geplündert, viele vom Adell und
andere verjagt, uß dem iren vertrieben, etzlich Schloß und Flecken die zum tail uns
mit dem eigenthumb zusteen und etzliche so in unser erbanspruch sein, dartzu
unser Stad Vach eingenommen und mit durstigem frevel vor Hersfeld kommen
undt eingefordert, in Meinung dieselb Stad auch mit eintzunehmen, ziehen itz
vor Friedewaldt das uns zuständig und uns ein gut Hauß, aber unbestalt ist, und
hat unß dieser stunde unser Voigt des Orts geschrieben, daß er sich belegerunge
besorge und nicht viel lewt den einfältig bawern ben eine habe. Die aufrurigen
Bawern schreiben und verkunden vielen anstoßenden den unsre von sich, inen
zufall und beistandt zu thun bei großer Bedrowung inen an laip gut und ihren
fruchten uf dem Feldte, schaden tzutzufügen. Also das hierauff viele der unseren
Ampten der ort und umbhere, inen zugelauffen und anhengig werden, ligen kann
der von Marpurg zwo tagereise und altz uns zu besorgen stet. Die Dinge wo wir es
in der Eile mit verhuten, mit den unsern sich mehren einreißen und schwerlicher
zu tragen werden.“