Das Land, seine Grenzen und Gaue
Vor zweitausend Jahren war der Landstrich, der sich von den höchsten Erhebungen des Rhön- und Vogelsgebirges viele Stunden weit nach Norden ausbreitet, ebenso wie das übrige Kattenland ein dichter und undurchdringlicher Urwald, nach seinen hochragenden Buchen „ Buchonien“, das Land der Buchen genannt; an seinen Rändern wie im Innern lagern schon damals, vereinzelt wie Inseln im Meere, besonders in den Tälern und längs der
Flüsse, klein Ansiedelungen, die zum Teil bis in die Zeit der Besitznahme des Landes durch die Katten hinaufreichen. Tausende von Jahren hat in diesem ungeheuren Waldgebiet keinerlei Eingriff des Menschen dem freien Walten der Natur sich entgegengestellt oder Schranken gesetzt, riesenhafte Bäume, die der Sturm gefällt oder das Greisenalter zu Boden geworfen, lagen dort in wirren Durcheinander, ohne dass ein Sonnenstrahl bis zu ihnen hinabdringt. Von Schlinggewächsen umwuchert, keimen auf den modernden Riesenleibern wiederum die Samen anderer Bäume und neue Pflanzenarten ringen zum Lichte empor.
Naturgemäß bot dieses reiche Pflanzenwachstum und das immer dichter werdende Gestrüpp zwischen den Baumriesen zahllosen wilden Tieren Schutz
und Unterhalt; außer den Pflanzenfressern Wisent, Hirsch, Elen, Eber und Reh, sind auch die Fleischfresser, Bär, Wolf, Luchs u.a. Bewohner des Buchonischen Urwalds. Trotz der Hindernisse, welche der ungeheure Wald der Kultur in den Weg legte, waren die Siedelungen doch schon tief in ihn vorgedrungen, wenn auch manche derselben von den wilden Tieren viel zu leiden hatten.

Nur schwer konnte sich der Bauer der Raubtiere Wolf und Bär erwehren, die damals noch ungleich häufiger waren, als im späten Mittelalter, noch schwerer vermochte er die Scharen von den Wildschweinen fernzuhalten, die oft alljährlich die sorgsam eingehegten Saatfelder zerstören. Es nimmt uns deshalb nicht wunder, wenn wir lesen, dass noch im 14. Jahrhundert verschiedene Ansiedelungen wieder von ihren Bewohnern verlassen wurden, weil diese Tiere die Acker derartig zerwühlten, dass an eine Ernte nicht zu denken war.

Noch vor 300 Jahren hauste im Seulingswald und Buchwald das Wildschwein noch in solchen Mengen, dass unter Landgraf Wilhelm IV. jährlich über 1200 Stück erlegt wurden. Rudel von 300—400 Stück waren keine Seltenheit, auch sah man fast ebenso große Rudel Hirsche.

In Anbetracht der verhältnismäßig niederen Bildungsstufe unserer Vorfahren und befangen in dem Glauben an geheimnisvolle Erscheinungen, wie er
damals überall die Seele des Volkes in seinem Banne hielt, war es nicht zu verwundern, dass die Ansiedler sich noch weit furchtbarere Ungeheuer als
Bewohner des Urwaldes vorstellen, die ihnen das Betreten desselben arg verleiden mussten. So hatten die Jäger im Dickicht des Waldes den Werwolf
schleichen sehen, einen Menschen, der Wolfsgestalt angenommen hat und sich vom richtigen Wolf nur durch seinen kurzen Schweif unterschied, nachts, um die Geisterstunde, trieb er sein Wesen; er grub Leichen aus, um sie zu verzehren oder ihnen das Blut auszusaugen, und pflegte Knaben und
Mädchen zu rauben. In den großen Horsten der uralten Eichen hauste auch der ungeheure Vogel Greif, jenes fabelhafte Tier des Altertums, das, an Größe und Stärke einem Löwen gleich, mit vier Krallenfüßen, zwei Flügeln und dem krummen Schnabel eines Raubvogels versehen war. Aber das gefürchtete Ungeheuer, welches in den Sümpfen der Waldquellen sein Anwesen trieb, war der Lindwurm, halb Drache, Halb Krokodil, dem alles, was sich ihm nahte, zum Opfer fiel; deshalb scheute man so viel als möglich das Dickicht in der Nähe der Quellen.

Ja, man wollte wissen, dass es diesem Ungeheuer ein leichtes sei, einen Auerochsen oder ähnliche große Tiere davon zu schleppen und mit Haut und
Haar zu verzehren. Hatte der Lindwurm des Guten zu viel getan, so kannte er schon ein bewährtes Mittel: er schlürfte dann in vollen Zügen aus dem von schattigen Buchen und Eichen umgebenen Becken des Magnesia (Bittererde) enthaltenden Badborn, der bei der Obermühle unweit Schenklengsfeld liegt; auch will man gesehen haben, wie er sich in der kühlen Flut der Heilquelle oftmals gebadet; im Winter schlug das Untier sein Lager an dem warmen Gülleborn, der am Fuße des Eichberges in der Nähe des Dorfes Unterweisenborn liegt, auf und überfiel das zur Tränke kommende Wild. Wie lange so der Lindwurm die Bewohner Buchoniens in steter Angst und Furcht erhielt, weiß niemand, da erschien eines Tages ein Retter aus fernem Lande, der Ritter St. Georg, und erlegte nach Stundenlangem harten Ringen den Lindwurm, welcher so lange Zeit hindurch der Schrecken des ganzen Landes gewesen war.

Wie weit sich der buchonische Urwald einst nach allen Seiten hin erstreckt hat, lässt sich heute nicht mehr genau feststellen, weil einmal die
Geschichtsschreiber selbst seine Grenzen verschieden angegeben und andererseits hier wie bei allen großen Wäldern, der Umstand in die Wage fällt,
dass mit dem Fortschreiten der Rodungen zunächst der Umfang des Waldes geringer wurde; man wird jedoch der Wahrheit ziemlich nahe kommen,
wenn man annimmt, dass Buchonien im Mittelalter Main Gaueinteilung zerfiel das Land in sieben, nach anderen in acht Gaue, von denen jedoch nur
die östlichen mit unserer Gegend einigermaßen in Berührung stehen und deshalb hier angeführt werden mögen: es ist dies das westliche und östliche
Grabfeld, und zwischen ihnen das Tullifeld, der Salgau, Sunigau, Aschfeld und der Baringau, die sich lange in den Dekanaten Margaretenhaun, Großenlüder, Eiterfeld, Geysa, Hünfeld usw. erhalten haben. Schenklengsfeld gehörte zum Gau Tullifeld oder nach der kirchlichen Einteilung zum Geysaer Kapitel.
Dieser Gau umfasste vom hessischen Gebiet die Ämter Friedewald, Petersberg (bei Hersfeld), Gericht Johannesberg, Amt Niederaula, soweit es
rechts der Fulda lag, Hauneck, Landeck, Volkeringshausen und Vacha, vom alt Fuldaischen Gebiet die Ämter Gensa, Fürsteneck, Fischberg, Burghaun,
Mackenzell, Biberstein, Teile des Cent Fulda und Weihers und schließlich das Hennebergische Amt Lichtenberg und Kaltennordheim bis zum Flüschen
Katzbach. Friedewald und Petersberg bei Hersfeld waren die nördlichsten Orte die zum Gau Tullifeld und damit noch zur Diözöse des Bischofs von Würzburg zog sich von Hersfeld an der Fulda hinauf über den Vogelsberg, Ulrichstein, Engerod, Schwarz, wozu die Cent Lauterbach und das Amt Grebenau gehörten, während im westlichen Grabfeld und Buchonien, Freiensteinau, Moos, Atenschlirf, Stockhausen, Laudenhausen, Schlitz u. a. lagen.

Im Norden stieß das Tullifeld wiederum an den Hessengau, dessen Grenzen gegen Thüringen vom Seulingswald über die Wasserscheide im Norden auf der sogen. Franzosenstraße nach der Burg Reichenbach verlaufen, während rechts, nach Sonnenaufgang hin, die Thüringische Germanenmark sich ausdehnte.